In "Heute minus 100 – Kurzgeschichten aus der Wirtschaft" erzählen wir Anekdoten, die sich vor genau hundert Jahren ereignet
haben.
⬇️ Viel Vergnügen bei der Zeitreise zurück ins Jahr 1926! ⬇️
Rund 700 Mitarbeitende und 60 Schuhgeschäfte zählte die Oberaacher Schuhfabrik Löw zu ihrer Blütezeit. Diese Zahlen sollten zwar stimmen, das Fabrikareal hingegen war bei Weitem nicht so gross, wie es damals auf Abbildungen dargestellt wurde….
"Das Fabriketablissement in Oberaach soll aufs Neue stark vergrössert werden", vermeldeten die Zeitungen Ende Januar 1926. Die Rede war von einem Erweiterungsbau der Schuhfabrik Löw, welcher möglicherweise zu einer Verdoppelung der Belegschaft führen werde.
👠 Arnold Löw hatte 1904 mit der Schuhproduktion begonnen. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte er sein "Etablissement" zu einem führenden Unternehmen der Schweizer Schuhbranche. Im Ersten Weltkrieg gelang es ihm, trotz Restriktionen, den Export nach Deutschland aufrecht zu erhalten. Oberaach bildete zusammen mit dem Nachbardorf Amriswil (heute ist es Teil jener Thurgauer Gemeinde) eine regelrechte Textil-Hochburg.
🏗️ Dass Löw 1926 in Oberaach baulich aktiv werden musste, hatte mit dem Verlust seiner Amriswiler Schuhfabrik-Filiale zu tun. Gemäss Zeitungsmitteilungen erwarb nämlich die Italo-Schweizerische AG zur Fabrikation vegetabilischer Oele, kurz Oelfabrik Horn, die Schuhfabrik Amriswil, um ihrerseits eine Filiale zu eröffnen.
🌟 Arnold Löw konzentrierte sich also auf Oberaach. Sein Unternehmen verstand es, im besten Licht zu erscheinen. Für eine optimale Werbewirkung setzte es auch auf Übertreibungen. So zeigt die Abbildung das Fabrikareal nach dem Umbau von 1926 deutlich grösser als es eigentlich war.
Autor Alfons Bieger verrät im Buch "Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach", dass der Gerberei-Anbau links im Bild und der Südflügel ganz rechts in Wahrheit wesentlich kleiner waren. "Der nordöstliche Gebäudekomplex hingegen (Bildmitte) entspricht nicht einmal mehr annähernd dem baulichen Zustand jener Zeit."
Übertreibungen hin oder her: Die Schuhfabrik lief zu jener Zeit ausgezeichnet und erreichte bald darauf ihre Blüte. 1932, im Todesjahr des Firmengründers, produzierten 700 Beschäftigte wöchentlich 1500 bis 1800 Paar Lederschuhe.
Es folgte die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, welche der Schuhfabrik Löw zusetzte. Nach weiteren Negativereignissen (aufsehenerregende Steueraffäre 1951 und Brand 1960) war die Ölkrise in den 1970er-Jahren eine Krise zuviel. 1975, als die Firma noch 200 Mitarbeitende beschäftigte, folgte der Verkauf, ehe zehn Jahre später die Schuhproduktion in Oberaach eingestellt wurde.
Quellen
Folge 1 (Schuhfabrik Löw): div. Zeitungsartikel aus dem Jahr 1926 und Buch “Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach“ von Alfons Bieger.