In "Heute minus 100 – Kurzgeschichten aus der Wirtschaft" erzählen wir Anekdoten, die sich vor genau hundert Jahren ereignet
haben.
⬇️ Viel Vergnügen bei der Zeitreise zurück ins Jahr 1926! ⬇️
Wenn es in der Schweizer Sonnenstube regnet, dann richtig. Hält der Niederschlag mehrere Tage an, so tritt der Lago Maggiore schon mal über die Ufer. So geschehen vor genau hundert Jahren, als Tessiner Kinder mit hochgezogenen Hosen für ein Foto posierten.
Die Uferpromenade in Ascona gehört zu den bekanntesten Fussgängerzonen der Schweiz. Alle paar Jahre kommt es vor, dass an gemütliches Flanieren nicht zu denken ist. Dann nämlich, wenn der Lago Maggiore überschwappt. Meist liegt der Pegel zwischen 193 und 194 Metern (über Meer). Deutlich darüber lag er am 17. Mai 1926. Was die Anwohner und Restaurantbetreiber der Piazza in Bestürzung versetzte, freute die Kinder, wie aus einem Archivbild jenes Tages hervorgeht. Abgebildet ist es in "Ascona – sole e anima", einem zweibändigen Fotobuch von Yvonne Bölt und Gian Pietro Milani, welches über 750 historische Bilder des malerischen Tessiner Dorfes zeigt.
Mit hochgezogenen Hosen waten die "Bambini" im erweiterten See, zwischen Häusern und Baumallee. "Die wolkenbruchartigen Regenfälle hatten ein starkes Ansteigen der Zuflüsse zum Lago Maggiore zur Folge", schrieben die Zeitungen. In eineinhalb Tagen sei der Wasserspiegel um rund eineinhalb Meter gestiegen. Betroffen war auch der Lago di Lugano, wo die Medien von einem Quai-Einsturz berichteten. Auch mehrere Strassen im Tessin erlitten Schäden, Zugsverbindungen waren zeitweise unterbrochen. Derweil kam es in den Bergen zu etlichen Lawinenniedergängen.
Die Wasser- und Schneemassen von Mitte Mai 1926 waren jedoch nichts im Vergleich mit dem Hochwasser, welches der Lago Maggiore im Oktober 2000 erlebte: 197,58 Meter sind der höchste Pegelstand des Sees seit Messbeginn. Mehrere tausend Personen mussten damals in der Region Locarno/Ascona/Gambarogno evakuiert werden. Auch hier waren die Kinder die Profiteure: Manche Schulhäuser wurden nämlich für mehrere Tage geschlossen.
Der inoffizielle Hochwasser-Rekord des Lago Maggiore geht indes auf Herbst 1868 zurück, als der Pegel in Locarno sogar 7,5 Meter über dem niedrigsten Winterwasserstand gelegen haben soll. Die Erdgeschosse der Ortschaften von Magadino und Locarno standen der Erzählung nach bis an die Decke unter Wasser und etliche Vorräte wurden damals vernichtet.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren sie in der Schweiz stark verbreitet, die scheppernden Kübel aus Blech. Sie entstammen der Zürcher J. Ochsner AG. 1990 erfuhr der einstige Inbegriff eines Abfallbehälters eine Renaissance: durch die Gründung der Berner Mundartband Patent Ochsner.
Als Jakob Ochsner-Bünzli am 6. April 1926 verstarb, erschien noch gleichentags eine einfache Todesanzeige in der Neuen Zürcher Zeitung. Unerwartet schnell, im 68. Altersjahr, sei er "zur ewigen
Ruhe eingegangen", hiess es darin. Über den Verstorbenen erfährt man lediglich, dass er Wagenbauer von Beruf und an der Seefeldstrasse in Zürich wohnhaft war.
Dabei war Jakob Ochsner ein weitgereister Mann, der in der Schweiz Geschichte schrieb. Sein aus dem Kanton Schaffhausen stammender Vater lehrte ihn Fuhrwerke zu bauen und zu reparieren. Doch bald zog es Jakob Ochsner nach Übersee. In Chicago sah er unvorstellbare Abfallmengen, die sich in den Strassen türmten und zum Himmel stanken – ein Problem, das ihm auch sieben Jahre später, bei seiner Rückkehr in die Schweiz, ins Auge (und in die Nase) stach. Er verlegte die väterliche Wagnerei nach Zürich und machte sich Überlegungen, wie der Gestank aus den Strassen der Stadt verbannt werden könnte. Er strebte eine geschlossene Transportkette vom Haushalt bis zum Brennofen an.
Im Jahr 1902 war es, dass Jakob Ochsners Firma, die J. Ochsner AG, ein Entsorgungssystem aus normierten Mülleimern sowie den dazugehörigen Aufbauten der Kehrichtwagen entwickelte. Herausragendes Konstruktionsmerkmal des "Ochsnerkübels" war der Klappdeckel mit einem Bügel auf der Vorderseite. Schritt für Schritt eroberte das "Patent Ochsner" die Schweizer Gemeinden. In Zürich ab 1908, andernorts erst später prägten die feuerverzinkten Blecheimer das Ortsbild. 1926, dem Todesjahr des Erfinders, wurde der Ochsnerkübel für sämtliche Haushalte der Stadt Zürich obligatorisch.
Das morgendliche Scheppern der Kehrichtabfuhr gehörte bald zum Schweizer Alltag – auch in Bern. Wie Büne Huber, der Gründer und Leadsänger der Berner Mundartband Patent Ochsner einst verriet, habe sein Vater "Patent Ochsner" als Synonym für etwas Wertloses verwendet. Offenbar war Vater Huber nicht sonderlich begeistert von den ersten musikalischen Entwürfen seines Sohnes, sodass er sie entsprechend kategorisierte… Und was tat Büne Huber? Er wählte "Patent Ochsner" kurzerhand als Bandnamen!
Dass das Publikum die Songs keinesfalls als "Schrott" auffasste, zeigt die Entwicklung der Band seit ihrer Gründung 1990. "Patent Ochsner" hat die Schweizer Musikgeschichte nachhaltig geprägt.
Die legendären Ochsnerkübel indes machten ab den 1970er-Jahren je länger je mehr grossen Containern und Kehrichtsäcken Platz. Vor rund zwölf Jahren gingen die Aktiven und Verbindlichkeiten der J. Ochsner AG, die Jakobs Nachfahren während Jahrzehnten weitergeführt hatten, infolge Fusion auf die Contena Handels AG in Schlieren über. Heute heisst das Unternehmen Contena-Ochsner AG. Es bezeichnet sich als führender Anbieter für Entsorgungstechnik in der Schweiz.
Vor 100 Jahren wurden Post und Banken in Zürich unterirdisch miteinander verbunden. Eine pneumatische Rohrpostanlage ermöglichte es, Nachrichten in Büchsen zu verschicken.
Die erste Rohrpost der Welt nahm 1853 in London ihren Betrieb auf. Diese pneumatische «U-Bahn» 🚇 war in der Lage, Nachrichten innert kurzer Zeit von einem Ort zum andern zu verschieben. Die Schweizer Städte zogen erst im 20. Jahrhundert nach. Die Schweizerische Post- und Telegrafenverwaltung nimmt immerhin für sich in Anspruch, 1925/1926 in Zürich die weltweit erste Rohrpostanlage mit Anschluss einer grösseren Zahl von Privatfirmen (zunächst ausschliesslich Banken) geschaffen zu haben.
Für die städtischen Werke war die Verlegung von Rohrpostrohren neben den Wasser-, Abwasser-, Gas- und Stromleitungen in den engen Gassen «fast ein Ding der Unmöglichkeit», wie sie zu bedenken gaben. Das Problem wurde aber offenbar gelöst und so sausten schon bald kleine Transportbüchsen 🥫 mittels Druckluft durch sechseinhalb Zentimeter dicke Rohre im unterirdischen Zürcher Leitungsnetz. Die Büchsen beinhalteten sowohl Eilbriefe als auch Telegramme.
Die Inbetriebnahme der ersten Verbindung zwischen der Fraumünsterpost 📯 (Haupttelegrafenamt) und der Filiale beim Hauptbahnhof erfolgte am 1. März 1926. Im Mai gingen auch die ersten Banken 🏦 rund um die Bahnhofstrasse ans Netz. Weitere Post- und Telegrafenämter und Banken folgten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Übermittlung soll bei rund 35 Stundenkilometern gelegen haben.
Die Banken mussten selbst für die Betriebskosten und den Unterhalt der Anlagen aufkommen. Der Rohrpostverkehr mit der Post war für sie gratis, während eine Sendung zu einer anderen Bank 1 Rappen kostete – und zwar für das händische Umladen in der Zentrale Fraumünster. Hier nahm das Postpersonal die ankommende Büchse aus der Röhre des Senders und steckte sie in diejenige des gewünschten Adressaten.
«Nur wenige wissen um das Geheimnis, das unter dem Asphalt der Strassen Zürichs verborgen liegt», schrieben die Neuen Zürcher Nachrichten 🗞️ am 8. Juli 1943. Anfänglich noch zögerlich genutzt, setzte sich die Rohrpost im Verlauf der Jahrzehnte als Kommunikationsmittel durch und erwies sich als erstaunlich langlebig. 1976, beim 50-Jahr-Jubiläum, wardas Zürcher Rohrpostnetz rund 45 Kilometer lang und beförderte täglich rund 4000 Büchsen.
1995 entschied die PTT (heute: Die Schweizerische Post), alle Rohrpostanlagen in der Schweiz aufzuheben. Mit der E-Mail 📧 war eine neue, viel schnellere Technologie zum Nachrichtenversand aufgekommen, welche sich bis heute gehalten hat.
Der FC Thun verblüfft zurzeit die Fussballschweiz. Mit grossem Vorsprung steht er zuoberst in der Super-League-Tabelle. Wer auf einen Einbruch wartet, wartet diese Saison vergeblich. Nicht immer schrieb der Verein so positive Schlagzeilen. Ein besonderes Kuriosum ereignete sich heute vor genau hundert Jahren.
🥅 Die vorwiegend militärisch genutzte Allmend war einst auch Spielstätte des FC Thun. Wie der Vereinsgeschichte zu entnehmen ist, wurden für die Instandsetzung des Platzes lediglich zwei Torstangen gesetzt und der Fussball konnte beginnen. Die Spieler der (regional spielenden) Thuner Mannschaft in den 1920er-Jahren hiessen Gerber, Steffen oder Fehr – interessanterweise Namen, die auch für den heutigen sportlichen Erfolg stehen.
💣 Dass das Spielfeld schon mal Opfer von Bomben- und Schiessübungen wurde, galt es in Kauf zu nehmen. Das Nebeneinander von Militär und Fussball funktionierte grundsätzlich gut, was sich jedoch schlagartig ändern sollte.
🐎 Gerade eben, im Herbst 1925, hatte der FC Thun auf der Allmend neue, versenkte Torpfostensockel verbaut. Steckten keine Pfosten drin, so galt es die Löcher mit einem Deckel zu schliessen, woran offenbar nicht immer gedacht wurde. So trat am 16. Februar 1926 ein Offizierspferd der Trainrekrutenschule in ein Torpfostenloch, brach sich das Bein und musste abgetan werden.
🥩 Natürlich machte man den Fussballclub für diesen Unfall verantwortlich und bat ihn entsprechend zur Kasse. "Nach Abzug der Einnahmen des Pferdefleisches blieb für den FC Thun eine zu begleichende Schuld von 280 Franken übrig", ist auf der historischen Website thunensis.com zu lesen. "Das eidgenössische Militärdepartement entzog deshalb dem Fussballclub die Platzbewilligung auf der Allmend."
🪚 Als Alternative konnte der FC Thun nach einigen Verhandlungen mit der Stadt das Areal Grabengut pachten. Jedes FC-Mitglied wurde verpflichtet, pro Woche acht Stunden Arbeit zu leisten, um den Platz für die neue Saison vorzubereiten. Unter anderem galt es Obstbäume zu fällen und die Wiese zu planieren.
🏆 Es war zwar ein enormer Aufwand und eine finanzielle Belastung für den FC Thun, doch sollte das Grabengut (heute im Zeichen des Eissports) immerhin während fast drei Jahrzehnten seine Trainings- und Spielstätte bleiben. 1954 erfolgte die Einweihung des Stadions Lachen. Seit 2011 spielt der FCT in der neuerbauten Stockhorn Arena. 2026 könnte er zum ersten Mal Schweizer Fussballmeister werden – sofern er nicht doch noch in ein Loch fällt.
Rund 700 Mitarbeitende und 60 Schuhgeschäfte zählte die Oberaacher Schuhfabrik Löw zu ihrer Blütezeit. Diese Zahlen sollten zwar stimmen, das Fabrikareal hingegen war bei Weitem nicht so gross, wie es damals auf Abbildungen dargestellt wurde….
"Das Fabriketablissement in Oberaach soll aufs Neue stark vergrössert werden", vermeldeten die Zeitungen Ende Januar 1926. Die Rede war von einem Erweiterungsbau der Schuhfabrik Löw, welcher möglicherweise zu einer Verdoppelung der Belegschaft führen werde.
👠 Arnold Löw hatte 1904 mit der Schuhproduktion begonnen. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte er sein "Etablissement" zu einem führenden Unternehmen der Schweizer Schuhbranche. Im Ersten Weltkrieg gelang es ihm, trotz Restriktionen, den Export nach Deutschland aufrecht zu erhalten. Oberaach bildete zusammen mit dem Nachbardorf Amriswil (heute ist es Teil jener Thurgauer Gemeinde) eine regelrechte Textil-Hochburg.
🏗️ Dass Löw 1926 in Oberaach baulich aktiv werden musste, hatte mit dem Verlust seiner Amriswiler Schuhfabrik-Filiale zu tun. Gemäss Zeitungsmitteilungen erwarb nämlich die Italo-Schweizerische AG zur Fabrikation vegetabilischer Oele, kurz Oelfabrik Horn, die Schuhfabrik Amriswil, um ihrerseits eine Filiale zu eröffnen.
🌟 Arnold Löw konzentrierte sich also auf Oberaach. Sein Unternehmen verstand es, im besten Licht zu erscheinen. Für eine optimale Werbewirkung setzte es auch auf Übertreibungen. So zeigt die Abbildung das Fabrikareal nach dem Umbau von 1926 deutlich grösser als es eigentlich war.
Autor Alfons Bieger verrät im Buch "Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach", dass der Gerberei-Anbau links im Bild und der Südflügel ganz rechts in Wahrheit wesentlich kleiner waren. "Der nordöstliche Gebäudekomplex hingegen (Bildmitte) entspricht nicht einmal mehr annähernd dem baulichen Zustand jener Zeit."
Übertreibungen hin oder her: Die Schuhfabrik lief zu jener Zeit ausgezeichnet und erreichte bald darauf ihre Blüte. 1932, im Todesjahr des Firmengründers, produzierten 700 Beschäftigte wöchentlich 1500 bis 1800 Paar Lederschuhe.
Es folgte die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, welche der Schuhfabrik Löw zusetzte. Nach weiteren Negativereignissen (aufsehenerregende Steueraffäre 1951 und Brand 1960) war die Ölkrise in den 1970er-Jahren eine Krise zuviel. 1975, als die Firma noch 200 Mitarbeitende beschäftigte, folgte der Verkauf, ehe zehn Jahre später die Schuhproduktion in Oberaach eingestellt wurde.
Quellen
Folge 5 (Hochwasser Ascona): Buch "Ascona – sole e anima", div. Zeitungsberichte von Mai 1926 und Oktober 2000, sac-cas.ch
Folge 4 (Patent Ochsner): Wikipedia, blog.nationalmusuem.ch, geschichteimpuls.ch. Bild: Adrian Michael, Eimer Patent Ochsner, freigestellt von Firmenchronik Schweiz, CC BY-SA 3.0
Folge 3 (Rohrpost Zürich): div. Zeitungsartikel (Neue Zürcher Nachrichten, NZZ, Tages-Anzeiger) und 150-Jahr-Chronik der Zürcher Kantonalbank
Folge 2 (FC Thun): Websites 125.fcthun.ch und thunensis.com. Bilder: FC Thun / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Dia_293-02-103-33
Folge 1 (Schuhfabrik Löw): div. Zeitungsartikel aus dem Jahr 1926 und Buch “Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach“ von Alfons Bieger