In "Heute minus 100 – Kurzgeschichten aus der Wirtschaft" erzählen wir Anekdoten, die sich vor genau hundert Jahren ereignet
haben.
⬇️ Viel Vergnügen bei der Zeitreise zurück ins Jahr 1926! ⬇️
Der FC Thun verblüfft zurzeit die Fussballschweiz. Mit grossem Vorsprung steht er zuoberst in der Super-League-Tabelle. Wer auf einen Einbruch wartet, wartet diese Saison vergeblich. Nicht immer schrieb der Verein so positive Schlagzeilen. Ein besonderes Kuriosum ereignete sich heute vor genau hundert Jahren.
🥅 Die vorwiegend militärisch genutzte Allmend war einst auch Spielstätte des FC Thun. Wie der Vereinsgeschichte zu entnehmen ist, wurden für die Instandsetzung des Platzes lediglich zwei Torstangen gesetzt und der Fussball konnte beginnen. Die Spieler der (regional spielenden) Thuner Mannschaft in den 1920er-Jahren hiessen Gerber, Steffen oder Fehr – interessanterweise Namen, die auch für den heutigen sportlichen Erfolg stehen.
💣 Dass das Spielfeld schon mal Opfer von Bomben- und Schiessübungen wurde, galt es in Kauf zu nehmen. Das Nebeneinander von Militär und Fussball funktionierte grundsätzlich gut, was sich jedoch schlagartig ändern sollte.
🐎 Gerade eben, im Herbst 1925, hatte der FC Thun auf der Allmend neue, versenkte Torpfostensockel verbaut. Steckten keine Pfosten drin, so galt es die Löcher mit einem Deckel zu schliessen, woran offenbar nicht immer gedacht wurde. So trat am 16. Februar 1926 ein Offizierspferd der Trainrekrutenschule in ein Torpfostenloch, brach sich das Bein und musste abgetan werden.
🥩 Natürlich machte man den Fussballclub für diesen Unfall verantwortlich und bat ihn entsprechend zur Kasse. "Nach Abzug der Einnahmen des Pferdefleisches blieb für den FC Thun eine zu begleichende Schuld von 280 Franken übrig", ist auf der historischen Website thunensis.com zu lesen. "Das eidgenössische Militärdepartement entzog deshalb dem Fussballclub die Platzbewilligung auf der Allmend."
🪚 Als Alternative konnte der FC Thun nach einigen Verhandlungen mit der Stadt das Areal Grabengut pachten. Jedes FC-Mitglied wurde verpflichtet, pro Woche acht Stunden Arbeit zu leisten, um den Platz für die neue Saison vorzubereiten. Unter anderem galt es Obstbäume zu fällen und die Wiese zu planieren.
🏆 Es war zwar ein enormer Aufwand und eine finanzielle Belastung für den FC Thun, doch sollte das Grabengut (heute im Zeichen des Eissports) immerhin während fast drei Jahrzehnten seine Trainings- und Spielstätte bleiben. 1954 erfolgte die Einweihung des Stadions Lachen. Seit 2011 spielt der FCT in der neuerbauten Stockhorn Arena. 2026 könnte er zum ersten Mal Schweizer Fussballmeister werden – sofern er nicht doch noch in ein Loch fällt.
Rund 700 Mitarbeitende und 60 Schuhgeschäfte zählte die Oberaacher Schuhfabrik Löw zu ihrer Blütezeit. Diese Zahlen sollten zwar stimmen, das Fabrikareal hingegen war bei Weitem nicht so gross, wie es damals auf Abbildungen dargestellt wurde….
"Das Fabriketablissement in Oberaach soll aufs Neue stark vergrössert werden", vermeldeten die Zeitungen Ende Januar 1926. Die Rede war von einem Erweiterungsbau der Schuhfabrik Löw, welcher möglicherweise zu einer Verdoppelung der Belegschaft führen werde.
👠 Arnold Löw hatte 1904 mit der Schuhproduktion begonnen. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte er sein "Etablissement" zu einem führenden Unternehmen der Schweizer Schuhbranche. Im Ersten Weltkrieg gelang es ihm, trotz Restriktionen, den Export nach Deutschland aufrecht zu erhalten. Oberaach bildete zusammen mit dem Nachbardorf Amriswil (heute ist es Teil jener Thurgauer Gemeinde) eine regelrechte Textil-Hochburg.
🏗️ Dass Löw 1926 in Oberaach baulich aktiv werden musste, hatte mit dem Verlust seiner Amriswiler Schuhfabrik-Filiale zu tun. Gemäss Zeitungsmitteilungen erwarb nämlich die Italo-Schweizerische AG zur Fabrikation vegetabilischer Oele, kurz Oelfabrik Horn, die Schuhfabrik Amriswil, um ihrerseits eine Filiale zu eröffnen.
🌟 Arnold Löw konzentrierte sich also auf Oberaach. Sein Unternehmen verstand es, im besten Licht zu erscheinen. Für eine optimale Werbewirkung setzte es auch auf Übertreibungen. So zeigt die Abbildung das Fabrikareal nach dem Umbau von 1926 deutlich grösser als es eigentlich war.
Autor Alfons Bieger verrät im Buch "Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach", dass der Gerberei-Anbau links im Bild und der Südflügel ganz rechts in Wahrheit wesentlich kleiner waren. "Der nordöstliche Gebäudekomplex hingegen (Bildmitte) entspricht nicht einmal mehr annähernd dem baulichen Zustand jener Zeit."
Übertreibungen hin oder her: Die Schuhfabrik lief zu jener Zeit ausgezeichnet und erreichte bald darauf ihre Blüte. 1932, im Todesjahr des Firmengründers, produzierten 700 Beschäftigte wöchentlich 1500 bis 1800 Paar Lederschuhe.
Es folgte die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, welche der Schuhfabrik Löw zusetzte. Nach weiteren Negativereignissen (aufsehenerregende Steueraffäre 1951 und Brand 1960) war die Ölkrise in den 1970er-Jahren eine Krise zuviel. 1975, als die Firma noch 200 Mitarbeitende beschäftigte, folgte der Verkauf, ehe zehn Jahre später die Schuhproduktion in Oberaach eingestellt wurde.
Quellen
Folge 2 (FC Thun): Websites 125.fcthun.ch und thunensis.com. Bilder: FC Thun / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Dia_293-02-103-33
Folge 1 (Schuhfabrik Löw): div. Zeitungsartikel aus dem Jahr 1926 und Buch “Das Schlössliareal – 200 Jahre Gewerbe und Industrie in Oberaach“ von Alfons Bieger.