Zugegeben, es war schon schlimmer. Aber gerade jetzt, zu Jahresbeginn, häufen sie sich wieder, die Listen-Artikel (Listicles). Hier ist die Rede von "4 Neujahrsvorsätzen, mit denen du Geld sparen
kannst", da von "10 Wünschen für 2026" und dort sogar von "100 Fragen und Antworten zum neuen Jahr".
Natürlich sind Aufzählungen praktisch: Einkaufszettel, Bedienungsanleitungen, Notfallpläne. Aber wenn selbst existenzielle Fragen nur noch als "7 Learnings" oder "12 Dinge, die du wissen musst"
auftreten, darf man sich fragen: Geht es hier um Erkenntnis – oder nur um die nächste Zahl in einem Titel?
Listen suggerieren Vollständigkeit ("mehr kommt nicht") und Tiefe ("wir haben nachgezählt"), während sie in Wahrheit häufig nur Häppchen beliebig aneinanderreihen. Komplexe Themen schrumpfen zu Stichworten, Widersprüche werden diskret ausgelassen.
Irgendwo zwischen Blogboom und Suchmaschinenoptimierung war es wohl, dass der Aufzählungsschwall seinen Anfang nahm. Listicles sorgten für Reichweite und Klicks, sie liessen sich leicht produzieren, schnell erfassen und noch schneller teilen. Zahlen im Titel versprachen Ordnung in einer unübersichtlichen Welt – und lieferten vor allem eines: planbare Aufmerksamkeit.
Als die Gedanken noch fliessen durften
Wer erinnert sich noch an die Zeit davor? Es muss eine goldene Zeit gewesen sein. Eine Epoche, in der Gedanken noch fliessen durften, ohne nummeriert zu werden. In der Argumente nicht geschniegelt in Dreierschritten auftraten, sondern sich frei entfalten konnten. Kurz: bevor das Internet beschloss, dass alles eine Liste sein muss.
Immerhin: Die Listicles scheinen ihren Zenit heute überschritten zu haben oder sie sind inhaltlich ernster und nützlicher geworden. Der pure Zahlen-Clickbait verliert ein wenig an Status, weil
Nutzer und Algorithmen zunehmend Gewicht auf echten Mehrwert und Kontext legen. Und das ist gut so – erstens wie letztens.
Roger Häni
Firmenchronik Schweiz
Bild: Adobe Stock/patpitchaya

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