Wie sähe die Chronik meines Lebens aus?

In den vergangenen Wochen haute ich so richtig in die Tasten. Nacheinander verfasste ich am PC die Manuskripte mehrerer Firmenchroniken. Als Grundlage dienten mir unzählige Seiten an Rohmaterial, welches mir – teilweise in gedruckter, teilweise in digitaler Form – zur Verfügung gestellt wurde. Ausserdem hatte ich viele Gespräche und Interviews geführt und selbst Recherchen in verschiedenen Archiven getätigt.

Firmengeschichte setzt sich aus vielen einmaligen Geschichten zusammen – auch aus Familien- und Liebesgeschichten.

Durch Eintippen, Kopieren und Einfügen füllte ich nun also Seite um Seite mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen, erstellte einen Spannungsbogen und verlieh den historischen Texten meine eigene Note. Eine intensive Arbeit, die viel Konzentration erfordert. Schliesslich ist es mein Anspruch, der Kundschaft ein interessantes und inhaltlich möglichst korrektes Manuskript vorzulegen, das dem anstehenden 100-Jahr-Jubiläum gerecht wird. Nun warte ich auf die Rückmeldungen (Ergänzungen sind vor dem nächsten Schritt Layout/Satz selbstverständlich erwünscht) und habe endlich mal wieder Zeit für einen Blog!

Persönliche Note dank hinterlassenem Lebenslauf

Beim Erstellen eines Manuskripts bin ich besonders dankbar um Lebensläufe der Protagonisten. Natürlich gehören Zahlen und Fakten dazu, doch ein Lebenslauf, vollgepackt mit subjektiven Erinnerungen, geben einer Chronik das gewisse Etwas, die persönliche Note.

 

Es ist spannend, wenn ein Zimmermann von seinen Wanderjahren ab 1904 berichtet, die er vor der Gründung der eigenen Firma absolvierte. Die Schlägerei im Wirtshaus, bis auf die Unterhosen gefrorene Kleider bei Minus 23 Grad Kälte oder der stets "besoffene Meister" haben zwar nicht direkt mit dem jubilierenden Unternehmen zu tun, machen aber eine Chronik erst richtig lesenswert.

Wahrnehmung verschiebt sich mit der Zeit

Wenn ich ein Manuskript schreibe, frage ich mich manchmal, wie wohl meine eigene Chronik aussähe. Als ich mich kürzlich mit Bekannten über Gott und die Welt austauschte, kamen wir auf genau dieses Thema zu sprechen. Von einer Kollegin erfuhr ich, dass sie jedes Jahr quasi einen privaten Jahresbericht verfasst, in welchem sie die Familiengeschehnisse der vergangenen zwölf Monate zusammenfasst. Für einen Chronisten wie mich wäre das natürlich ein gefundenes Fressen. Eine ideale Grundlage für eine Biografie.

 

Ein anderer Kollege berichtete, er habe vor einigen Jahren einen Lebenslauf verfasst und diesen kürzlich zur Hand genommen. Er erinnerte sich noch an alles, was er geschrieben hatte, fand jedoch, dass er heute einige Ereignisse anders formulieren würde. Seine Wahrnehmung hat sich im Laufe der Jahre verschoben. Manches ist im Rückblick wichtiger geworden, anderes hat an Bedeutung verloren.

Für sie "Lebens-Highlight", bei ihm Gedächtnislücke

Interessant fand ich auch, was die Vierte in unserer Runde sagte: "Ich führe zwar weder Tagebuch, noch habe ich einen Lebenslauf geschrieben, doch tausche ich mich gelegentlich mit meinem Bruder über unsere Kindheit und Jugend aus. Wir stellen dabei fest, dass uns manche Erlebnisse ganz unterschiedlich in Erinnerung geblieben sind."

 

Erstaunlich: Ein Erlebnis, das sie mit ihrem Bruder teilt, gehört für sie zu ihren "Lebens-Highlights". Sollte sie doch mal einen Lebenslauf schreiben, käme es bestimmt darin vor. "Mein Bruder jedoch, der das genau Gleiche erlebte und dessen Gedächtnis absolut intakt ist, kann sich nicht daran erinnern, obwohl er sogar drei Jähre älter ist als ich." Das zeigt, wie subjektiv eine Wahrnehmung ist und dass es ganz unterschiedliche Dinge sind, die uns Menschen prägen.

Nachruf: Fakten vs. Gefühle

Die Erzählung einer Lebensgeschichte ist also etwas sehr Subjektives. Stirbt ein Mensch und hinterlässt keinen Lebenslauf, so erstellen oftmals die Hinterbliebenen einen. Dieser nennt sich dann Nachruf, wird bei der Abdankung vorgetragen oder erscheint sogar in der Zeitung. Darin die Fakten über den Verstorbenen oder die Verstorbene aufzuführen, mag einfach sein. Doch wie es einem Menschen bei diesem oder jenem Erlebnis ging, wie er sich dabei fühlte, das weiss bzw. wusste nur der Mensch selbst.

 

Roger Häni, Firmenchronik Schweiz / nichz – Zeit für Kommunikation

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