Facebook, Insta, TikTok – ein "Buch"?

“Wer weiss noch, was ein Buch war?” Vielleicht stellt im Jahr 2100 eine Lehrperson diese Frage ihren Schülerinnen und Schülern. Natürlich nicht mittels Frontalunterricht, sondern über die gerade aktuelle Online-Plattform. Nennen wir sie #YOURphatchat@i-sCOOL6.0, dekoriert mit diversen interaktiv animierten Emojis in stufenlos variierbaren Hautfarben beziehungsweise Fellarten. Ganz nach den Vorschriften der universumweiten Anti-Rassismus- sowie Anti-Artismus-Konvention 2097.

Die Antwort der Klassenstreberin Edeltraud lautet dann vielleicht: “Also bei uns auf dem @mond gibt es das nicht aber meine #grosselternpersonen @leonie und @luania haben mir erzählt dass #uropa @kevin *hihi was für ein altmodischer name :-)))* ganz viele #bücher hatte. Das waren so ultraflache #displays aus #pflanzen die irgendwie zusammengemacht waren. Genau weiss ich nicht wie das funktionierte. Es gab damals ja noch keine #4d-drucker.”

Für diese Antwort dürfte das Mädchen staunende Blicke (natürlich in Emoji-Form - gerade wieder im Trend ist das nostalgische “Özil-Emoji” mit den weitaufgerissenen Augen) ihrer Cyber-Klassenkameraden einheimsen. Ausserdem gibt es ein Lob der Lehrperson, die per Knopfdruck in Echtzeit positive Impulse an Edeltrauds Nanochip überträgt. Jener Chip, welcher ihr unmittelbar nach der Geburt praktischerweise gemeinsam mit dem Impfstoff gegen die Desperados-Grippe injiziert wurde...

Scheisssturm in sozialen Medien?

 

Noch leben wir im Jahr 2020, auf der Erde, nicht jedes Wesen ist gechipt und selbst ein kleines Kind weiss, was ein Buch ist. Obwohl es sich in der Regel für die digitale Alternative entscheidet, wenn es die Wahl hat. Kein Wunder: Smartphones und Tablets sind praktisch und leicht zu bedienen, da intuitiv und – in der Regel – nicht so leicht kaputt zu kriegen. Wenn es mit der Feinmotorik noch hapert, entstehen nicht gleich Eselsohren wie beim Papier.

 

Wer etwas zu kommunizieren hat und schnell viele Menschen erreichen möchte, tut dies schon seit Anfang des 21. Jahrhunderts via Social Media. Gemeint sind damit zu Deutsch “digitale Medien”, nicht etwa “soziale Medien”, wie es häufig übersetzt wird. Das englische Wort “social” ist nämlich nicht gleichbedeutend mit dem deutschen Wort “sozial”. Dass Facebook, Twitter und Co nicht zwingend sozial sind, hat schon erlebt, wer in einen Shitstorm geraten ist. Auch hier ist die wortwörtliche Übersetzung “Scheisssturm” übrigens suboptimal und zwar nicht nur, weil drei gleiche Buchstaben hintereinander zu vermeiden sind. Per Definition ist ein Shitstorm ein “lawinenartiges Auftreten negativer Kritik gegen eine Person oder ein Unternehmen über die Kommentarfunktion einer Internet-Seite”.

Viel Aufwand für kurzen Ruhm

 

Keine Frage: Social Media hat Daseinsberechtigung und kaum ein Unternehmen kommt heute drum herum. Facebook, Instagram oder TikTok sind aber kurzlebig: Ein schneller Post, nach wenigen Minuten viele Likes, dann heisst es bereits “der nächste, bitte!”.

Wahre Befriedigung bietet das nicht. Für manche eher Stress. Zumal Marketingfachleute wissen: Der mitzuteilende Inhalt ist für jede Informationsplattform anders aufzubereiten. Hier ein hochformatiges, da ein querformatiges, dort ein quadratisches Fotos. Hier ein zweieinhalbminütiges, dort ein dreissigsekündiges Video. Hier ein blanker Text, dort eine “Story” mit vielen lustigen Verzierungen und natürlich Emojis, Emojis, Emojis. Viel Aufwand für kurzen Ruhm (oder aber einen längeren Shitstorm – wenn man Pech hat)!

 

Fast wie Weihnachten im letzten Jahrtausend

 

Welche Wohltat ist da zwischendurch ein unaufgeregtes Print-Produkt. Natürlich ebenfalls am Computer erstellt und via Internet übermittelt. Nach getaner Arbeit heisst es jedoch: geduldig warten, bis die Druckerei den Flyer, das Magazin oder das Buch zusendet oder zur Abholung lädt. Manchmal dauert dieser vorfreudige Zustand mehrere Tage. Fast wie Weihnachten im vergangenen Jahrtausend!

Klar: Auch im Print-Bereich ist nicht jedes Produkt wirklich nachhaltig. “Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern”, lautet ein deutsches Sprichwort. Etwas anders verhält es sich mit einem Buch: “Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste”, schwärmte der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine vor 200 Jahren. Sein französischer Kollege Voltaire – er lebte nochmals hundert Jahre früher – meinte zwar (mit seinem berühmten Augenzwinkern): “Mir sind alle Bücher zu lang.” Gemeinsam ist Heine und Voltaire, dass man sie und ihre Werke noch heute kennt und liest.

 

Freund, dem man alles klagen kann

 

Möchte man etwas der Nachwelt überlassen, so ist ein Buch keine schlechte Wahl. Sei es ein Roman, eine (durch uns erstelle) Chronik oder ein Sachbuch, das man immer wieder gerne aufschlägt, um es danach genau so gerne wieder im Regal zu versorgen. Ob das Buch dort mit den Jahren verstaubt? Kann sein. Ob es irgendwann zerfällt? Sehr wahrscheinlich. Ein einzelnes Buch ist langlebig, aber nicht für die Ewigkeit – so wie ein Mensch auf Erden. Genau deswegen ist mir ein Buch sympathisch.

 

Die österreichische Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, sah im Buch einen “Freund, dem man alles sagen und klagen kann”. Was das Buch dem Menschen zum Glück (noch) voraus hat: Es kann in Form eines Nachdrucks jederzeit erneuert werden. Und es spricht nichts dagegen, ein Buch zusätzlich auch in elektronischer Form anzubieten. Wobei ein handfester, spürbarer Freund eben schon mehr zu bieten hat als einer, der sich auf irgendeinem Server befindet.

Ich jedenfalls gebe dem gedruckten Buch – um es in der Social-Media-Sprache zu sagen – einen Daumen nach oben. Auf Emojis hingegen verzichte ich an dieser Stelle gerne.


Roger Häni, Firmenchronik Schweiz / nichz – Zeit für Kommunikation

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